Vom Umgang mit Trauernden

Als ich kürzlich eine Kundin beraten habe, hat sich daraus ein ausserordendlich intensives Gespräch ergeben. Und zwar nicht wirklich über die Produkte, die ich ihr gezeigt habe.

Sie kam zu mir, weil sie von einer Freundin von unserer Marke gehört hat. Sie erzählte mir, dass sie momentan eine ziemlich stressige Zeit durchlebe und sie deshalb immer so müde aussehen würde.

Wir führen in unserem Sortiment eine grosse Auswahl an Produkten, um diesem Zustand Abhilfe zu schaffen. Sowohl Pflegecremes, Serum oder Masken, aber auch diverse Makeup Produkte.

Es war ziemlich schnell klar, dass sie was mit Soforteffekt wünschte. Sie setzte sich auf den Stuhl und ich fing an, ihr das „Zaubermittelchen“ aufzutragen.

Während ich so am schminken war, kamen wir ins Gespräch und ich fragte sie, ob sie denn bei der Arbeit so viel Stress habe..

Unvermittelt kamen ihr die Tränen, ich hab mich ziemlich erschrocken, weil ich reflexartig dachte, dass ich ihr irgendwie weh getan hab.

Sie entschuldigte sich sofort und erzählte mir, dass kürzlich ein nahes Familienmitglied unerwartet verstorben sei.

Ich sagte ihr, dass mir das sehr leid täte und wusste in dem Moment grad nicht so richtig, wie ich reagieren sollte. Trauer ist etwas sehr individuelles, jeder Mensch geht mit einem Verlust anders um. Die einen ziehen sich zurück, andere gehen offensiv damit um und brauchen die Gesellschaft anderer Menschen. Und ich kannte sie ja nicht, konnte also nicht wissen, wie sie damit umging.

Ich spürte aber, dass sie reden wollte. Während des Gespräches merkte ich, dass bei mir automatisch auch was hochkam. Sie erzählte mir, dass Leute in ihrem Umfeld sie fallengelassen haben, weil es ihr nicht gut ging.

Es ist zwar schon einige Jahre her, seit mein Papa gestorben ist, doch in solchen Momenten kommt es mir immer noch wie gestern vor.

Ich hatte damals eine ganz üble Zeit, war wegen Burnout und Depressionen über drei Monate lang krankgeschrieben und weg vom Fenster. Wie es überhaupt zu meinem Zusammenbruch kam, kann ich heute gar nicht mehr so genau sagen. Es kam schleichend, heimtückisch und schwer fassbar für mich. Ich hatte mich viel zu lange geweigert, professionelle Hilfe zu suchen und anzunehmen. Wollte alles alleine machen, nach dem Motto, ich weiss selber, was gut für mich ist.

Nein, wusste ich in dem Moment nicht! Nach etlichen Vorfällen, ich hatte unwillkürliche Weinkrämpfe und Panikattacken, hat mein damaliger Chef mich quasi genötigt, einen Arzt aufzusuchen wofür ich ihm bis heute dankbar bin.. Ich war ja auch für sein Geschäft und meine Kolleginnen nicht mehr tragbar. Ich arbeitete damals in einer Apotheke, konnte aber die meiste Zeit keine Kunden bedienen, weil ich plötzlich und scheinbar grundlos anfing zu weinen oder ich schlicht gar nicht mehr fähig war, normal zu denken. Die Belastung war für alle unglaublich. Während der schlimmsten Phase habe ich mich dann auch noch selbst verletzt weil ich den inneren Druck nicht anders aushielt.

Ich musste dann also gut drei Monate pausieren, nahm nach längerer Weigerung auch die Medikamente, die ich wirklich brauchte. Es war eine schlimme Zeit. Ich verstand einfach nicht, warum mir das passierte, suchte den Fehler nur bei mir.

Heute weiss ich, dass dies keine Schwäche oder ein Versagen meinerseits war, doch damals haderte ich sehr mit mir. Fühlte mich als Looser. Ich verstand auch nicht, warum mich meine Kolleginnen mehr oder weniger alleine liessen. Frauen, von denen ich dachte, dass wir mehr waren als blosse Arbeitskolleginnen. Auch das kann ich heute richtig einordnen. Ich weiss, dass ich nicht soviel hätte erwarten dürfen, dass sie schlicht nicht wussten, wie mit mir in diesem Zustand umzugehen ist.

Damals hat mich dies jedoch noch mehr verunsichert und immer wieder zurückgeworfen auf meinem Weg. Ich konnte nicht verstehen, warum ich mich als „Kranke“ bei ihnen melden sollte und nicht umgekehrt.. Dass sie mich einfach ignorierten. Nur durch die Hilfe meiner Familie und meiner Ärztin konnte ich nach längerer Zeit endlich nur auf mich selber konzentrieren und langsam darüber hinwegkommen.

Als ich dann nach den schier endlosen Monaten endlich wieder gefestigt genug war um wieder 50% arbeiten zu können, war ich zwar schon noch etwas unsicher, doch ich freute mich auch darauf.

Ich sehe es noch genau vor mir. Es war der Donnerstag vor dem Karfreitag, als ich ins Geschäft gehen wollte, um meinem Chef zu sagen, dass ich nach Ostern wieder anfangen würde zu arbeiten. Ich stand vor der Eingangstüre, als meine Mama mich anrief und mir sagte, dass mein Papa im sterben lag. Er war zwar schon länger krank und im Pflegeheim, aber das hat mich dann doch aus der Fassung gebracht.

Mein Verhältnis zu ihm war nicht so eng, wie das zu meiner Mutter. Das ist ja auch normal, denke ich. Die meisten haben nicht zu beiden Eltern die gleiche innige Beziehung. Trotzdem war es mein Papi. Ich war wie versteinert. Stand vor dem Eingang und dachte nur so: Jetzt musst du gleich da rein und deinem Chef sagen, dass du wegen der Beerdigung nochmals später arbeiten kommst. Es kam mir völlig surreal vor.

Irgendwie habe ich es dann doch geschafft, reinzugehen und meinem Chef zu sagen was los war. Ich hatte ja keine Ahnung, ob mich dies wieder zurückwerfen würde oder ob ich trotz allem nach Ostern wieder zur Arbeit kommen könnte. Er war glücklicherweise sehr verständnisvoll, auch nach der langen Zeit von up’s und downs

Ich hatte schon immer die Tendenz zur Einzelgängerin. Obwohl ich gern unter Menschen bin, brauche ich die Möglichkeit mich zurückziehen zu können. Sobald es mir zuviel wird, mache ich dicht und schotte mich ab. Diese Strategie wende ich auch an, wenn mich etwas zu sehr aufwühlt. Hat sich bis heute nicht geändert. Ich kann es aber besser steuern und erkenne etwaige Alarmsignale.

Doch als ich dann im Geschäft stand, drohte das bisschen Fassung und Halt, das ich mir so mühsam erkämpft hatte in den vergangenen Monaten, abrupt einzustürzen! Ich blockierte völlig, war total versteinert, konnte gar nicht anders. Ich hatte solche Angst, wieder einzubrechen, in diesem Loch, diesem Nebel zu versinken. Wieder von vorne beginnen zu müssen. Nur mit äusserster Anstrengung und Mühe konnte ich alles Nötige mit meinem Chef klären und flüchtete danach förmlich raus und nach Hause.

Wie ich die nachfolgenden Tage, die Beerdigung und alles was diese mit sich brachte, überstand kann ich heute nicht mehr sagen. Es ist alles wie verschwommen.

Kurz nach Ostern fing ich dann wieder an zu arbeiten. Da stand ich im Geschäft, unsicher, voller Angst und Zweifel, ob ich die Aufgabe meistern könne. Und es kam nichts von meinen Kolleginnen. Und ich meine nichts. Kein „wie geht’s Dir“, kein „es tut uns leid wegen deinem Vater“.. Null. Kein Kärtchen, kein Blümchen, kein Händedruck.

Das ist mehr als hart. Das prägt und brennt sich ein. Egal welche Fehler ich gemacht habe. (Und ich weiss, dass ich welche gemacht hab..) Egal ob mein Verhältnis zu meinem Vater durchzogen war. Es war mein Papa. Und dass man kollektiv so tut, als ob nichts gewesen ist, wenn der Vater einer Arbeitskollegin gestorben ist, geht gar nicht.

Es kommen viele Leute nicht klar, wenn sie mit Trauernden umgehen müssen. Ist auch keine leicht Situation. Doch es braucht ja gar nicht viel.. Keine grossen Reden, nur ein ehrlich gemeintes „es tut mir leid“ . Vier kleine Wörtchen. Ist das wirklich so schwierig oder zu viel verlangt?

Diese absolute Fehlen jeglichen Mitgefühls mir gegenüber hat mich damals unsagbar verletzt und hat Auswirkungen bis heute. Ich tue mich sehr schwer mit Leuten vertrauen und bin oft sehr misstrauisch. Wenn ich mir bei jemandem nicht sicher bin, bleibe ich lieber auf Distanz. Doch mittlerweile kann ich gut damit umgehen und verstehe vieles besser. Zeit hilft halt doch.

Aber in Momenten wie in dem, als ich mit dieser Kundin über diese Situationen sprach, spüre ich immer noch die Narben, auch wenn der Schmerz nicht mehr so stechend ist sondern eher ein dumpfes, störendes Pochen…

Über den Beitrag

Allgemein

2 Kommentare

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  1. Ein echt spannendes Thema. In meinem Beruf bei einem Hörakustiker habe ich sehr viel mit älteren Menschen zu tun. Manchmal kommt es vor, dass sich Angehörige dann bei uns melden, weil jemand verstorben ist. Wie soll man da reagieren? „Aufrichtige Anteilnahme“ klingt so steif wie ein Kondolenzkärtchen. Ich sage dann auch, dass es mir leid tut. Je nachdem, wie gut ich den Angehörigen kenne, streiche ich noch tröstend über den Arm. Ich bin halt eh so ein Anfasser, bis jetzt hat deswegen noch niemand böse reagiert. Schliesslich heisst es ja auch Mitgefühl, ich lasse es das Gsgenüber spüren, dass ich mitfühle. Danke für den Beitrag, ich bin nun nicht mehr so unsicher, ob ich angemessen reagiere, weil mir bewusst geworden ist, dass meine intuitive und individuelle Art mit Trauernden umzugehen, persönlich und darum nicht falsch ist. Liebe Grüsse – Dörthe

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