Waffen = Freiheit?

Als ich mit diesem Blog angefangen habe, habe ich mir gesagt dass ich die Finger von politischen Aussagen lassen werde. Politik, egal in welchem Land, ist ein äusserst komplexes und kompliziertes Themenfeld.

Heute mache ich mal eine Ausnahme..

Das Tolle an freien, demokratischen Ländern ist, dass wir die Entscheidungen der Regierungen hinterfragen und kritisieren dürfen, ohne Repressalien fürchten zu müssen. Dass man es nie allen recht machen kann, ist klar. Dies gilt ja nicht nur für die Politik. Auch bei der Arbeit, ja sogar im kleinsten Rahmen einer Familie muss man immer wieder mit Kompromissen arbeiten, um voran zu kommen. Und auch dann gibt’s natürlich welche, die nicht zufrieden sind und sich benachteiligt fühlen. Das ist normal, das ist auch menschlich. Wie man dann darauf reagiert und umgeht, steht auf einem anderen Blatt.

Heute geht’s mir aber um ein ganz konkretes und sehr kontroverses Thema.

Am 19. Mai wird hier in der Schweiz über die Verschärfung des Waffengesetzes abgestimmt. Die Änderungen der EU-Richtlinien sollen von der Schweiz übernommen werden.

Meine erste Reaktion, als die bekannt wurde war eigentlich kurz und bündig:

Ja bitte, wurde auch Zeit.

Für mein Verständnis ist klar, dass Angesichts der vielen Vorfällen durch private Schusswaffenbesitzer und daraus resultierenden Toten weltweit gar keine andere Antwort als ein dickes, fettes JA in Frage kommt.

Was dann kam, hat mich dann doch etwas überrascht..

Das sei ein weiterer Angriff der EU, die Freiheit der Schweizer Bürger zu beschneiden, heisst es aus den üblichen und wohlbekannten Kreisen.

Hmm, ich weiss ja nicht, ob es anderen „Normalos“ auch so geht wie mir.. Aber ich fühle mich nicht wirklich in meiner Freiheit eingeschränkt, wenn ich, falls ich tatsächlich mal das Bedürfnis verspüre, mir eine Knarre zu besorgen, dafür halt ein paar Ausweise, ein Strafregister-Auszug und einen Nachweis, dass ich mit dem Gerät umgehen kann, vorlegen muss.

Hingegen finde ich persönlich es nicht ganz abwegig, wenn Rambo-Dolche, automatische und halbautomatische Waffen und Boden-Luft Raketen verboten werden. Oder irgendwelches Selbstgebasteltes Equipment, um „normale“ Waffen aufzurüsten.

IMG_2531

Ebenso sinnvoll finde ich es, dass die Schweizer Behörden sich mit den anderen Ländern des Schengen Raumes austauschen können. Damit sollte wenn irgendwie möglich verhindert werden, dass Subjekte, denen in den umliegenden Ländern der Waffenerwerb aus guten Gründen verweigert wurde, nicht einfach zu uns kommen und sich hier problemlos bewaffnen können. Nur weil der Informationsaustausch zwischen den Ländern erschwert ist.

Ebendieser Austausch von Informationen wäre laut Bund gefährdet, wenn man die Schweiz nach einem NEIN zu diesem Gesetz aus dem Schengen-Dublin Vertrag rausschmeissen oder zumindest blockieren würde.

Die Initianten bestreiten diesen Punkt natürlich vehement. Dass die EU es niemals wagen würde, die Schweiz aus dem Abkommen auszuschliessen.

Ernsthaft, ich glaube wirklich, dass diese Leute die Wichtigkeit der Schweiz in Europa massiv überschätzen. Selbst wenn wir „nur“ in diesem speziellen Bereich ausgeschlossen werden würden, müsste der Bundesrat wieder separate Verhandlungen führen, um in internationalen Sicherheitsfragen nicht völlig blind und alleine agieren zu müssen. Das würde dann wieder Jahre dauern, bis alle Seiten mehr oder weniger zufrieden sind.

Auch die anderen Argumente der Gegner hören sich in meinen Ohren etwas seltsam an. Wenn man den Abstimmungstext von Bund und Gegnern durchliest, springt einem die schiere Panik der Gegenseite regelrecht entgegen. Dass die lange Tradition der Schweizer Schiessvereine gefährdet sei. Dass wir kollektiv entwaffnet werden durch den Staat. Dass dies ein schleichender Versuch sei, EU Recht zu übernehmen und dass eine Verschärfung des Waffengesetzes keinesfalls dazu führen werde, den islamischen Terror zu bekämpfen.

Allein bei dieser Aussage sträuben sich bei mir sämtliche Haare. Mal ganz abgesehen davon, dass dies ein verbaler Schlag in die Gesichter sämtlicher Angehörigen der Opfer von Schusswaffen-Terroranschlägen ist. Diese Begründung ist so unbeschreiblich daneben, dass ich fast sprachlos bin. Aber nur fast.

Niemand behauptet, dass mit verschärften Gesetzen Anschläge ganz verhindert werden können. Das kann und wird man auch in Zukunft leider nie ganz ausschliessen können. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Doch es kann damit besser gegen den Schwarzmarkt und illegalen Waffenbesitz vorgegangen werden. Und damit den Erwerb von Waffen etwas erschweren und besser kontrollieren. Meiner Ansicht nach zumindest mal ein guter Anfang.

Doch genau da schrillen bei den selbsternannten Freiheitskämpfern die Alarmglocken..

Eine schrittweise Entmündigung des Volkes sei dies. Schweizer Werte würden damit zerstört..

Ich verstehe einfach nicht, wie man in der heutigen Zeit Freiheit mit Waffenbesitz in Verbindung bringen kann.

Wir müssen nicht mehr gegen Landvögte kämpfen. Woher kommt diese permanente Panik, dass die Schweiz, kaum würde dieses Gesetz in Kraft treten, von einem unserer Nachbarländer annektiert wird. Und seit wann haben Waffen was mit Schweizer Werten zu tun??

Es erstaunt auch nicht wirklich, dass diese Aussagen vor allem aus dem selben Lager kommen wie die Verfechter der Theorie, dass die Klimaerwärmung nur linke Propaganda sei. (Kann ich verstehen. Schliesslich sahen wir alle letzten Sommer scharenweise grüne Politiker und ihre Anhänger, wie sie nachts mit Haartrocknern den Bauern die Felder trockengeföhnt haben…  )

Waffenbesitz ist gleich Freiheit. Funktioniert super. Das sehen wir ja auch in dem Land, das sich explizit diese Freiheit auf die Flagge, resp. in die Verfassung geschrieben hat. Das dies zu einer Zeit geschah, als noch ein klein wenig andere Lebensverhältnisse und Umstände herrschten, wird grosszügig übersehen.

The Donald lässt Lehrer bewaffnen, Brasilien lockert sein Waffengesetz…

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Australien, wo nach dem Massaker im Jahr 1996 das Waffengesetzgesetz massiv verschärft wurde. Die Zahl der Schusswaffen-Toten ging seitdem um die Hälfte zurück.

 

Ich hoffe inständig, dass die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer dies auch so sieht.

 

 

 

 

Ein Kommentar

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  1. Es sind Entscheidungen zu Themen wie diese, die uns antreiben, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erlangen, um mitentscheiden zu können. Alles, was du in diesem Beitrag geschrieben hast, kann ich als Zugezogene voll unterschreiben. Oft treffe ich Schweizer, die die Nase voll haben von ihrem sehr speziellen Inselchen in der EU und endlich auch insgesamt im Staat mehr Einheitlichkeit wünschen. Andererseits ist es irgendwie auch charmant, dass diese Grundbockigkeit, sich nicht gleichmachen lassen zu wollen, schon wieder charmant. Ein Schweizer erzählte mir dazu neulich einen Witz: Eine junge Französin, eine Deutsche und eine Schweizerin unterhalten sich übers Kinderkriegen. Sagt die Französin „On faire l’amour.“. Die Deutsche meint: „Bei uns macht das der Klapperstorch.“ Darauf die Schweizerin stolz: „In der Schweiz ist das von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt.“

    Ich hoffe auch sehr, dass morgen die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Liebe Grüsse – Dörthe

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