Erben oder nicht erben..

Kürzlich hatte ich ein eindrückliches Gespräch mit einer Kundin.

Kurz nach Ladenöffnung, wir waren alle noch mit den üblichen Routinearbeiten beschäftigt, kam die Frau, schätzungsweise um die sechzig Jahre, auf mich zu und fragte mich nach meiner Meinung wegen eines Fingerrings.

Wir haben einige Schmuckständer bei der Kasse stehen, so günstigen Modeschmuck Krimskrams halt..

Sie zeigte mir ihren eigenen Ring und fragte, welcher von den Günstigen meiner Meinung nach am ähnlichsten sei. Sie möchte ihren verschenken und wolle vermeiden, dass ihre Kinder dies merken.

Ich bin eine Eule. Sprich, kein Morgenmensch. Ich brauche morgens relativ viel Zeit, bis mein Hirn voll funktionstüchtig ist. Trotz Kaffee und frühem Aufstehen war dies etwas too much und deshalb hab ich die Dame scheinbar auch ziemlich bedröppelt angeschaut, jedenfalls ging sie etwas mehr ins Detail.

Sie habe nicht mehr lange zu leben, sie und ihr bereits verstorbener Mann hätten ein erfolgreiches Geschäft geführt und daher gäbe auch einiges zu vererben.. Allerdings habe sie und ihre Kinder sich in den letzten Zeit stark zerstritten, weil sie, wie man so schön sagt, den Geldhahn ziemlich zugedreht habe. Noch bis vor kurzem habe sie jedem ihrer Kinder zu Weihnachten Fr. 5000.- in Bar gegeben… Nebst den „üblichen“ Geschenken… (ich habe mich ernsthaft gefragt, was das wohl zu bedeuten hatte.. ) Doch da sich das Verhältnis untereinander seit dem Ausbruch ihrer Krankheit stark verschlechtert habe, sei sie diese Weihnachten von dieser Regel abgewichen. Sie habe beispielsweise ihrem Sohn „nur“ noch zwei Kisten mit Rotwein ( Fr. 85.– pro Flasche… ) geschenkt… Worauf dieser flugs im Internet nachgesehen habe, wie viel der Wein kostet und mit der Bemerkung „Der für 120.- wäre besser gewesen..“ zurückkam..

Ich ging an diesem Punkt in Gedanken mal schnell die Geschenke durch, die ich meiner Familie gemacht habe und deren Reaktion darauf.. Und war da schon äusserst dankbar für meine Familie..

Obwohl die Frau lachte, als sie dies erzählte war es natürlich klar, dass dies alles sehr verletzend gewesen sein musste. Sie sagte, dass seitdem Funkstille herrschte, weil sie auch aufgehört habe, ihren Kindern alles zu bezahlen. Das hätten sie und ihr Mann viel zu lange gemacht, obwohl alle ihre Kinder und deren Partner sehr gute Jobs hätten, Häuser oder „wenigstens“ eine Eigentumswohnung besitzen würden…

Und darum wolle sie ihren Ring, Gold mit 20 Brillanten besetzt, einer guten Freundin schenken, so dass keiner ihrer Kinder den Ring erben könne. Ausserdem habe sie im Testament alle auf den Pflichtteil runtergesetzt und den Rest werde sie verschenken, so lange sie noch lebe. Das sei eine Riesenarbeit gewesen, für sie selber und auch für ihren Treuhänder, sie habe dafür gesorgt, dass alles bombensicher und wasserdicht sei! Keines ihrer Kinder solle die Möglichkeit haben, das Testament anzufechten.

Ich war an jenem Tag noch längere Zeit sehr betroffen. Die Dame wirkte zwar keineswegs verbittert oder wütend, eher resigniert. Und enttäuscht, verständlicherweise. Ich glaube, jeder kann dies nachvollziehen. Jeder hat schon Zoff mit der Familie gehabt, das geht an die Substanz. Gerne redet man sich in einer solchen Phase ein, dass man auch ohne die Familie gut klar kommt. Und bis zu einem gewissen Grad stimmt dies sicher auch. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem einem nur die eigene Familie die Sicherheit und die Geborgenheit geben kann, die man in diesem Moment braucht. Ja, das tönt ziemlich abgedroschen und in vielen Familien ist zu viel zerbrochen, um solche Gefühle aufkommen zu lassen. Das ist mir selbstverständlich bewusst.

Doch bei vielen Familienstreitigkeiten braucht es gar nicht so viel, um wieder aufeinander zugehen zu können.

Natürlich entwickelt man sich im Laufe der Zeit mal weg von der Familie, mal sucht und braucht man wieder deren Nähe. Man hat sich vielleicht auseinandergelebt, hat unterschiedliche Interessen und Ansichten und merkt trotzdem immer wieder, dass man sich eigentlich gar nicht so unähnlich ist. Das kann stressen, nerven und manchmal kann es auch eine Belastung sein, aber es verbindet halt auch.

Nichts kann einen so stärken oder so verunsichern wie die eigene Familie.

Nichts kann einen so beflügeln oder so runterziehen wie die Familie.

Wenn man solche Geschichten hört, muss man sich nicht über abertausende Bücher und abendfüllende Filme, die genau diese gegensätzliche Dynamik bis zur Schmerzgrenze ausschlachten, wundern.

Doch es muss ja nicht immer zugehen wie bei „Denver-Clan“!

Vermutlich ist es bei den meisten Familien wie bei meiner eigenen, wir liegen irgendwo zwischen Supidupi-Herzallerliebst-unserekleineFarm- Familie und der Adams Family… Mal so, mal so… Normal halt…

Aber ganz ehrlich, auch wenn wir uns nicht so oft treffen können, wissen wir alle doch eines ganz genau:

Wenn einer von uns in Nöten ist oder wenns einem nicht gut geht, lassen wir alles stehen und liegen und sind für einander da! Komme was wolle! Meine Schwester wohnt keine 20 Minuten von mir entfernt, trotzdem sehen oder hören wir uns nicht dauernd. Wir haben beide unser Leben, unterschiedliche Interessen, arbeiten beide 100%.. Aber wir beide wissen, dass die Andere da ist. Nicht jede Familie braucht den dauernden physischen Kontakt. Jede Familie ist anders.

Und genau das bedeutet für mich Familie. Die Akzeptanz, dass jedes Mitglied ein Individuum für sich ist.

Und nicht: “ Huu, wenn XY die Radieschen endlich von unten anschaut, kann ich mit der geerbten Kohle endlich die Reise machen, die ich schon lange machen wollte! Oder ein Auto kaufen, auf das die Nachbarn neidisch sind.“

Klar, bei der Geschichte, die mir die Kundin erzählte, kenne ich die näheren Umstände natürlich nicht. Wie es soweit kommen konnte, dass scheinbar nur noch negative Gefühle für den Anderen da sind. Wie man so schön sagt, zu einem Streit gehören immer zwei.

Trotzdem war ich, wie schon gesagt, nicht das erste Mal unfassbar dankbar für meine Familie!

…. und dass wir kein Vermögen haben, das Zwist zwischen uns bringen könnte!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: